Anfang 1995 schlug das Debüt der zierlichen Kanadierin Bif Naked ein wie eine Bombe und ehe sie sich versah, stand die agile Powerfrau aus Calgary im internationalen Rampenlicht und jettete um die Welt zu Promoterminen und Auftritten. In Kürze erscheint nun ihr zweites Album " I Bificus" , nur noch unter dem Namen "Bif" und mit veränderter Bandbesetzung. sound.de. unterhielt sich mit der sympathischen Ausnahmekünstlerin im Münchner Promooffice ihrer Plattenfirma Sony.
sound.de: Dies ist dein zweites Album. Nachdem sich das Debüt so gut verkauft hat, lastet da nicht ein gewaltiger Erfolgsdruck auf dir? So viele Bands lieferten ein furioses Debüt ab, um dann sang-und klanglos in der Versenkung zu verschwinden: Stiltskin, Babylon Zoo, The Presidents of The U.S.A....
Bif: Eigentlich nicht. Das erste Album war eine totale Low-Budget-Produktion, und sowohl ich als auch meine Plattenfirma waren vom Erfolg völlig überrascht und überwältigt. Im Nachhinein fällt auch auf, daß der Sound an manchen Stellen nicht so optimal war, schon wegen des wenigen Equipments. Diesmal konnte ich aus dem Vollen schöpfen, ich hatte mehr Studiozeit, bessere Geräte und ein ausgereiftes Studio. Die Produktion ist deshalb wesentlich kraftvoller ausgefallen. Ich denke schon, daß das neue Album bei den Fans Anklang finden wird, doch selbst, wenn es nicht so gut laufen sollte: In der Zeit seit der Veröffentlichung meines Debüts habe ich so viele aufregende Dinge erlebt und bin so weit herumgekommen, daß ich einiges zu erzählen habe, wenn ich mal alt bin...
sound.de: " I Bificus" erscheint nur noch unter dem Namen "Bif", außerdem hat sich die Besetzung der Band geändert...
Bif: Ich verstehe mich als Solokünstlerin. Schon beim Debüt waren die Musiker hauptsächlich Freunde und Bekannte von mir, die aber auch noch eigene Bands oder Studiojobs haben. Deshalb hatte nicht jeder für das neue Album Zeit, das muß ich auch verstehen. Das "Naked" habe ich gestrichen, weil ich über die blöden Witzchen darüber nicht mehr lachen konnte: Wieso "Naked?" Du hast doch was an?! Haben die Leute vielleicht erwartet, daß ich nackt auf der Bühne stehe, oder was? Wenn man denselben fragwürdigen Spaß andauernd hören muß, geht er einem ziemlich auf den Senkel, kann ich dir sagen! Also habe ich meinen Nachnamen für´s erste nicht mehr auf das Album geschrieben, um das zu umgehen.
sound.de: Deine Texte handeln von sehr persönlichen und oft traumatischen Erfahrungen wie Scheidung und Vergewaltigung. Dadurch scheinst du zu einem Sprachrohr für viele junge Mädchen und Frauen geworden zu sein, die ähnlich schmerzliche Erlebnisse verarbeiten mußten...
Bif: Es war mir anfangs gar nicht klar, daß ich für die Kids so eine Art Vorbild bin, und ich hatte auch nicht vor, zur Leitfigur hochstilisiert zu werden. Doch auf Grund meiner Position im Showgeschäft kam es nunmal dazu, ich bekam unglaublich viel Fanpost und E-Mails, und viele Leute sagten mir, wie ihnen meine Songs in einer schwierigen Situation weiterholfen haben. Das ist eine große Ehre für mich, und eine große Verantwortung. Ich versuche, ihr gerecht zu werden, indem ich den Kids ein möglichst positives Beispiel gebe: Ich rauche und trinke nicht, und versuche keine negativen und gewalttätigen Weltbilder zu propagieren. Für mich sind meine Songs eine Art Therapie, ich versuche, über gewisse Dinge hinwegzukommen, wenn es anderen auch hilft, ist das ja ganz klasse. Andererseits hat mir die große Resonanz bei den Fans auch klargemacht, daß ich beileibe nicht die Einzige bin, der solche Dinge widerfahren sind.
sound.de: Auf dem neuen Album sprichtst du widerum sehr kontroverse Themen an, so handelt z.B. ein Song von einer Abtreibung. In Amerika scheinen religiöse Fundamentalisten gerade einen regelrechten Krieg gegen abtreibungswillige Frauen zu inszinieren. Hast du keine Angst, zwischen die Fronten zu geraten?
Bif: Ich bin weder für noch gegen die Abtreibung, das ist eine Entscheidung, die nur jede Frau für sich fällen muß und kann. Es ist in meine Augen allein ihre Sache. " I Bificus" ist in Amerika noch nicht veröffentlicht, insofern gibt es noch keine Reaktionen, doch natürllich versuche ich mich schon im Vornherein gegen das zu wappnen, was da unter Umständen auf mich zukommt. Vielleicht ist es tatsächlich so, daß ich für viele Fans ausspreche, was sie nicht laut zu sagen sich trauen. Ich habe diese Rolle nicht unbedingt gern, denn auch mich kostet es Überwindung, doch ich bin es mir als Künstlerin schuldig.
sound.de: Werden wir dich in Europa live zu Gesicht bekommen?
Bif: Es ist noch nichts Definitives festgelegt, doch vermutlich werde ich auf einigen größeren Festivals auftreten. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder in Europa auf Tour zu gehen. Wenn ich nach den Promoterminen nächste Woche zurück in Kanada bin, beginnen wir schon mit den Vorbereitungen...
Chris Gabriel